The View of the Others / Die Meinung der Anderen: Oliver Meier, SRF 2

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Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 30.05.2022, 17:10 Uhr, Oliver Meier

Sammlung Grünbaum Dieses Raubkunst-Urteil setzt die Museen unter Druck

Seit langem wird über die Schiele-Sammlung des jüdischen Kabarettisten Fritz Grünbaum gestritten, der im Konzentrationslager Dachau starb. Nun erhalten die Nachkommen zwei Werke zurück, die in Bern gehandelt wurden. Ein erstaunlicher Entscheid.

Über 400 Werke hat der Kabarettist Fritz Grünbaum in seinem Leben gesammelt. Er war bis zum Auftrittsverbot für jüdische Künstler 1938 eine Grösse in der Wiener Theaterwelt, gerühmt für seinen selbstironischen Humor. Als es bei einem seiner letzten Auftritte zu einem Stromausfall kam, soll er gescherzt haben: «Ich sehe nichts, absolut gar nichts, da muss ich mich in die nationalsozialistische Kultur verirrt haben.»

Da hört der Spass aufHeute sind die Werke aus der Sammlung Grünbaum in der ganzen Welt verstreut – in Museen, bei Kunsthändlern und auch bei Privatbesitzern. Zwei davon sind nun offiziell als Raubkunst eingestuft. Der Oberste Gerichtshof der USA hat ein Urteil von 2018 bestätigt: Der Galerist Richard Nagy muss sie den Nachkommen des Kabarettisten zurückgeben und zudem 700’000 Dollar Schadenersatz und Zinsen berappen.

Die beiden Werke von Egon Schiele – «Frau mit schwarzer Schürze» und «Frau, das Gesicht verbergend» – hatte die Schwägerin Grünbaums in den 1950er-Jahren dem Berner Kunsthändler Eberhard W. Kornfeld verkauft. Jahrzehnte später stellte sie Nagy in New York aus. Dort wurden sie beschlagnahmt. Mehrmals ging der Galerist gegen das Urteil des Supreme Court vor. Vergeblich. Nun gibt es nichts mehr daran zu rütteln.

Raubkunst oder nicht – das ist die Frage

Ein erstaunlicher Vorgang. Kaum ein Fall ist so akribisch untersucht worden wie der Fall Grünbaum. Gerichte, Herkunftsforscher und Raubkunst-Kommissionen haben sich damit beschäftigt. Doch bis heute gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass die Sammlung von den Nationalsozialisten geraubt wurde oder dass die Werke unter Druck verkauft werden mussten.

Es erscheint sogar sehr unwahrscheinlich: Die Bilder, um die jetzt in den USA gestritten wurde, befanden sich nach dem Zweiten Weltkrieg nachweislich in der Familie, bei Grünbaums Schwägerin, die sie nach Bern verkaufte. Schon allein deshalb ist die Raubkunstthese wenig plausibel. Doch es gibt eine Lücke in der Herkunftsgeschichte. Das haben die Anwälte der Nachkommen ausgenutzt.

Der Druck auf Museen wächst

Für viele Kunsthändler ist es ein ärgerliches Urteil. Sie wehren sich seit Jahren gegen das Raubkunst-Etikett, wenn es um Werke aus der Grünbaum-Sammlung geht. Der Makel des Verdachts ist schlecht fürs Geschäft. Auch der Druck auf die Museen dürfte noch einmal zunehmen, vor allem in Österreich, der Heimat von Fritz Grünbaum. Die Wiener Albertina und das Leopold-Museen besitzen mehrere Werke aus der Sammlung.

Staatliche Gremien dort haben sich in den letzten Jahren gegen eine Rückgabe ausgesprochen. Gut möglich, dass es nun neue Vorstösse, vielleicht sogar Klagen, geben wird. Der Wiener Herbert Gruber, seit langem im Dienst der Grünbaum-Erben, äusserte sich 2015 mit entwaffnender Offenheit über das Kalkül: «85 Prozent solcher Verfahren enden mit einem Vergleich.» Meist geht es dabei um eine Beteiligung am Verkaufserlös.

https://www.srf.ch/kultur/kunst/sammlung-gruenbaum-dieses-raubkunst-urteil-setzt-die-museen-unter-druck


Grünbaum Collection – This Looted Art Verdict Puts Pressure on Museums

For a long time there has been a dispute about the Schiele collection of the Jewish cabaret artist Fritz Grünbaum, who died in the concentration camp Dachau. Now the descendants will get back two works that were traded in Bern. An astonishing decision.

The cabaret artist Fritz Grünbaum collected over 400 works in his lifetime. He was a great figure in the Viennese theater world until Jewish artists were banned from performing in 1938, praised for his self-deprecating humor. When a blackout occurred during one of his last performances, he is said to have joked, “I don’t see anything, absolutely nothing, I must have lost my way in National Socialist culture.”

That’s where the fun stops

Today, the works from Grünbaum’s collection are scattered around the world – in museums, with art dealers, and also with private owners. Two of them are now officially classified as looted art. The U.S. Supreme Court has upheld a 2018 ruling: Gallery owner Richard Nagy must return them to the descendants of the cabaret artist and also pay $700,000 in damages and interest.

Grünbaum’s sister-in-law had sold the two works by Egon Schiele – “Woman with Black Apron” and “Woman Hiding Her Face” – to Bern-based art dealer Eberhard W. Kornfeld in the 1950s. Decades later, Nagy exhibited them in New York. There they were confiscated. Several times the gallery owner appealed against the Supreme Court’s decision. In vain. Now there is nothing more to shake about it.

Looted art or not – that is the question

An astonishing process. Hardly any other case has been investigated as meticulously as the Grünbaum case. Courts, provenance researchers and looted art commissions have dealt with it. But to this day there is no evidence that the collection was looted by the National Socialists or that the works had to be sold under pressure.

In fact, it seems highly unlikely: the paintings now being fought over in the U.S. were demonstrably in the family after World War II, with Grünbaum’s sister-in-law, who sold them to Bern. For this reason alone, the looted art thesis is not very plausible. But there is a gap in the provenance story. Lawyers for the descendants have taken advantage of this.

Pressure on museums is growing

For many art dealers, it is an annoying verdict. They have been resisting the looted art label for years when it comes to works from the Grünbaum collection. The stigma of suspicion is bad for business. Pressure on museums is also likely to increase once again, especially in Austria, Fritz Grünbaum’s home country. Vienna’s Albertina and the Leopold Museum own several works from the collection.

State committees there have spoken out against restitution in recent years. It is quite possible that there will now be new moves, perhaps even lawsuits. Herbert Gruber, a Viennese who has long been in the service of the Grünbaum heirs, was disarmingly frank in 2015 about the calculation: “85 percent of such proceedings end with a settlement. Most of them involve a share in the proceeds of the sale.

 

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